Kongress LIVE 2026 in der Stadthalle Oberursel - 30 Jahre Atemschutzunfaelle.eu
(tku) Oberursel (Hessen). Wie lassen sich Atemschutzeinsätze noch sicherer gestalten? Welche Lehren haben die Feuerwehren aus den schwersten Unfällen der vergangenen Jahrzehnte gezogen? Und warum kommt es trotz verbesserter Ausbildung, moderner Technik und umfangreicher Sicherheitsvorschriften noch immer zu schweren Unfällen? Diesen Fragen widmete sich der neunte „LIVE“-Kongress der Plattform Atemschutzunfaelle.eu am 5. September 2026 in der Stadthalle Oberursel unter dem Motto „Gut vorbereitet rein – sicher wieder raus“.
Rund 350 Feuerwehrangehörige aus dem deutschsprachigen Raum sowie zahlreiche Fachaussteller aus den Bereichen Atemschutz- und Sicherheitstechnik waren der Einladung der unabhängigen Plattform gefolgt. Historischer Anlass der diesjährigen Veranstaltung war der 30. Jahrestag des tödlichen Atemschutzunfalls von Brandmeister Andreas Stampe bei einem Kellerbrand in Köln-Zollstock am 6. März 1996. Die Feuerwehr Köln erinnerte im Jahr 2026 sehr wertschätzend, veranstaltete eine Gedenkfeier und ließ einen Dokumentationsfilm erstellen: Köln 2026 - 30 Jahre nach dem Tod von Andreas Stampe
Das Unglück gilt bis heute als einer der prägendsten Einschnitte in der Geschichte des deutschen Feuerwehreinsatzes unter Atemschutz. Der Tod des damals 28-jährigen Feuerwehrmannes führte bundesweit zu einer kritischen Überprüfung von Einsatzgrundsätzen, Ausbildungsinhalten und Sicherheitsstandards. Darüber hinaus war er Auslöser für weitreichende Anpassungen der Feuerwehr-Dienstvorschrift 7 sowie entsprechender Vorgaben der gesetzlichen Unfallversicherung.
Die Etablierung von Atemschutzunfaelle.eu liegt nicht zufällig ebenfalls 30 Jahre zurück. Auch wenn die ersten Unfalleinträge vor Andreas Stampe veröffentlicht wurden, so ist der Kölner Unfallbericht doch ein bedeutender Katalysator für das Projekt gewesen. Die 1996 von Björn Lüssenheide gestartete Online-Plattform entwickelte sich über drei Jahrzehnte zu einer anerkannten europäischen Wissens- und Unfalldatenbank. Bis heute wird die Datenbank ehrenamtlich betrieben. Neben der Dokumentation und Analyse von kritischen Ereignissen bietet das Team Schulungen, Trainings sowie die regelmäßig stattfindenden „LIVE“-Kongresse an, die zur Finanzierung der freizugänglichen Datenbank beitragen.
Rückblick und Standortbestimmung
Den thematischen Rahmen der Veranstaltung bildete die Frage, welche Konsequenzen aus dem Kölner Unglück gezogen wurden, welche Fortschritte die Feuerwehrwelt seitdem erzielt hat und welche Herausforderungen weiterhin bestehen.
Den Auftakt gestaltete Lars Seeger vom Team Atemschutzunfaelle.eu, Feuerwehrmann und Atemschutzausbilder bei der Berufsfeuerwehr Hamburg. In seinem Einführungsvortrag zeichnete er die Entwicklung der Atemschutzsicherheit über drei Jahrzehnte nach und stellte zugleich die grundlegende Frage: Warum bleibt der Innenangriff trotz moderner Technik und verbesserter Ausbildung eine der gefährlichsten Aufgaben im Feuerwehrdienst?
Einen besonders bewegenden Moment erlebten die Teilnehmer anschließend mit dem Vortrag von Axel Strang. Der damalige Truppführer von Andreas Stampe schilderte die Ereignisse des 6. März 1996 aus eigener Perspektive und beschrieb die langwierige Aufarbeitung des Unglücks. Eindringlich berichtete er zudem von den psychischen Folgen für die beteiligten Einsatzkräfte und der damals kaum vorhandenen strukturierten Nachsorge.
„Ich hatte das riesige Glück, bereits erste Kontakte zu entsprechenden Angeboten geknüpft zu haben, die mir geholfen haben, wieder einsatzfähig zu werden“, berichtete Strang. „Manche meiner Kollegen konnten es nicht verarbeiten und mussten aus dem aktiven Dienst ausscheiden.“
Lernen aus Fehlern
Wie die Berufsfeuerwehr Köln aus dem Unglück dauerhafte Konsequenzen zog, erläuterte anschließend Marcus Rausch aus der Stabsstelle Sicherheit der Feuerwehr Köln. Aus der damaligen Unfallkommission entwickelte sich eine bis heute bestehende „Ständige Unfallkommission“, die nicht nur Einsatzunfälle, sondern auch Beinaheereignisse systematisch analysiert. Entscheidend sei dabei eine offene Fehlerkultur.
„Wir fragen nie nach Schuld, sondern nach möglichst genauen Details, um daraus womöglich lebensentscheidende Erkenntnisse abzuleiten“, erklärte Rausch. „Nur so entsteht die Bereitschaft, Fehlerquellen offen anzusprechen und dauerhaft abzustellen.“
Welche Bedeutung eine konsequente Auswertung von Unfällen besitzt, verdeutlichte auch Jürgen Buil, ehemaliger Stadtbrandinspektor der Feuerwehr Kleve und Mitautor des Untersuchungsberichts zum tödlichen Feuerwehreinsatz beim Brand eines Motorradshops in Sankt Augustin vom 18. Juni 2023.
Anhand der detaillierten Rekonstruktion der Ereignisse erläuterte er die komplexe Verkettung von Faktoren, die damals zum Tod zweier Einsatzkräfte geführt hatten. Neben einem beschädigten Schlauch des vorgehenden Angriffstrupps spielte insbesondere die schlagartige Brandausbreitung infolge eines massiven Kamineffekts eine zentrale Rolle.
Aus den Erkenntnissen leitete Buil konkrete Handlungsempfehlungen für die Einsatzpraxis ab. Führungskräfte sollten etwa bereits während der Erkundung verstärkt Wärmebildkameras nutzen, um mögliche Gefahrenentwicklungen frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig sei es notwendig, Atemschutzgeräteträger stärker dafür zu sensibilisieren, Risiken bewusst wahrzunehmen und auch unter hohem emotionalem Druck stets das eigene Überleben im Blick zu behalten.
Mehr Ausbildung, mehr Risikobewusstsein
Wie sich ein solches Risikobewusstsein bereits in der Ausbildung systematisch fördern lässt, war anschließend Gegenstand einer Podiumsdiskussion unter Moderation von Thomas Kuhn, Mitglied des Teams Atemschutzunfaelle.eu, Pressesprecher der Feuerwehr Grevenbroich sowie Trainer für Risiko- und Krisenkommunikation.
Gemeinsam mit den Referenten diskutierte das Publikum unter anderem Fragen zur zukünftigen Ausgestaltung der Atemschutzausbildung: Reichen die bestehenden Ausbildungsrahmen aus? Müssen Ausbildungsinhalte erweitert werden? Welche Rolle spielen rechtliche Vorgaben und wo stoßen verbindliche Regelwerke an ihre Grenzen?
Dabei brachten sich unter anderem Dr. Dirk Hagebölling, langjähriger Leiter der Feuerwehr Bochum und heute Vorsitzender des Referats 8 „Persönliche Schutzausrüstung“ der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) sowie Dr. Tim Pelzl, Leiter des Fachbereichs "Feuerwehren, Hilfeleistungen, Brandschutz" bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) mit ihrer langjährigen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrung ein.
Als gemeinsamer Nenner kristallisierte sich heraus, dass eine intensivere und breiter angelegte Ausbildung notwendig erscheint. Gleichzeitig bestand Einigkeit darüber, dass kurzfristige Änderungen der bestehenden bundesweiten Ausbildungsrichtlinien derzeit kaum zu erwarten sind. Umso wichtiger sei das Engagement der einzelnen Feuerwehren, Aus- und Fortbildung ihrer Einsatzkräfte eigenständig kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Entscheidungen unter Stress
Direkt an diese Diskussion knüpfte Magister Clemens Könczöl von der Universität Graz an. Der Psychologe erläuterte die Mechanismen menschlicher Entscheidungsfindung unter extremem Stress und zeigte auf, wie Belastung, Zeitdruck und eingeschränkte Wahrnehmung das Handeln von Einsatzkräften beeinflussen.
Gerade Atemschutzeinsätze seien Situationen, in denen Wahrnehmungsfilter, Routinen und Bewertungsautomatismen besonders stark wirkten. Wer sich dieser Prozesse bewusst sei, könne Fehlentscheidungen besser erkennen und vermeiden.
Warum die Basics zählen
Den Schlussakkord des Kongresses setzten Guido Volkmar aus Düsseldorf und Dr. Hannes Kern aus der Steiermark mit ihrem Vortrag „Brot und Butter treffen die Wissenschaft“. Mit fachlicher Tiefe, aber auch einer gehörigen Portion Humor hinterfragten die beiden langjährigen Experten von Atemschutzunfaelle.eu scheinbare Selbstverständlichkeiten des Feuerwehralltags.
Sie zeigten auf, an welchen Stellen sich taktische Konzepte in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben und warum manche lange gepflegten Gewohnheiten heute kritisch betrachtet werden müssen. Beispielhaft nannten sie den Wandel vom traditionellen Grundsatz „Menschenrettung vor Brandbekämpfung“ hin zu modernen Strategien, bei denen oftmals zunächst die Brandbekämpfung die Voraussetzung für eine erfolgreiche Menschenrettung schafft.
Bei allen Veränderungen bleibe jedoch eine Erkenntnis zeitlos, betonte Volkmar:
„Nur wer sein Handwerkszeug im Atemschutzeinsatz blind beherrscht, hat im Stress noch die Kapazitäten, adäquat auf unerwartete Entwicklungen zu reagieren.“
Und genau darin liege letztlich das Ziel aller Präventionsarbeit, ergänzte Kern mit dem Leitspruch von Atemschutzunfaelle.eu: „Gut vorbereitet rein – sicher wieder raus.“
Fachausstellung
In den Pausen standen namhafte Dienstleister, Händler, Hersteller und ideelle Aussteller für den Gedankenaustausch zur Verfügung:
- Atemschutzunfaelle.eu - Unfalldatenbank, Schulungen
- Arbeitsgemeinschaft Brandschutz, Feuerwehr und Training e.V. - Realbrandausbildung
- Bauerfeind AG - einer der weltweit führenden Hersteller von medizinischen Hilfsmitteln
- BTL Brandschutz Technik GmbH Leipzig - B2B-Komplettausrüster inkl. Rundumservice aus einer Hand
- CER GmbH – Fachhändler für moderne Feuerwehrausrüstung
- Dräger Safety AG & Co. KGaA - Feuerwehrlösungen von Dräger
- European Fire & Rescue Support Association e.V. - Feuerwehren für Afrika
- FBI GmbH - Experten für Brand- und Gefahrenschutz in Tunneln und Untertagebaustellen
- Feuerwehr Langen - Vorstellung der ANTS
- Feuerwehr Oberursel - Vorstellung des zukünftigen Gefahrenabwehrzentrum
- FIRELINER® GmbH – Persönliche Schutzausrüstung
- FIRE-PRODUCTS - Atemschutz-Simulations-Schild
- F.I.R.E. Training GmbH – Lehrgänge in zweigeschossiger, mobiler und gasbefeuerter Anlage
- FLOW - Verwaltungssoftware von VOMATEC für Feuerwehren
- Giebeler Feuerschutz - Fachhandel und Servicepartner für Feuerlösch- u. Sicherheitstechnik
- Hüttinger GmbH - MayTec Fahrzeugausbau
- Kreisfeuerwehrverband Hochtaunus - Kreisausbildung etc.
- LHD Fire & Rescue - Schutzbekleidung und Care-System
- Renz GmbH - Feuerwehrservice
- rescue-tec GmbH & Co. KG - Feuerwehrbedarf u. professionelle Feuerwehrausrüstung
- S-GARD Schutzkleidung - Hersteller von Highend Einsatzkleidung für Feuerwehr
- Seek Thermal - Wärmebildkamera: Von der Entwicklung der Sensortechnologie bis zur Herstellung
- SMOKEY MASK® - Simulationsfolien für Atemschutzgeräteträger
- TFA-Team Feuerwehr Hamburg - MAYDAY Arena
- UDT FIRE & RESCUE Akademie - Lösungen für alles Zwischenmenschliche bei Feuerwehr, Rettungsdienst, Hilfsorganisationen und Polizei
- uvex fire & rescue - Schutzausrüstung für Feuerwehren
- WatchGas B.V. - renommierter, weltweit tätiger Anbieter von Gasdetektionssystemen
- Weinhold Feuerwehrbedarf GmbH - Fachhandel für moderne Brandschutztechnik
Fotogalerie
Fotograf: Thomas Keck
Berichte und Pressemeldungen
Beiträge nach dem Kongress:












